Philosophisches
4. Juli 2008 | Von Lior Yarom | Kategorie: ProfilPrometheus
(Johann Wolfgang von Goethe, 28.08.1749 – 22.03.1832 )
Hintergrund
Prometheus gilt im griechischen Mythos als Prototyp der Auflehnung gegen die Götter und gleichzeitig als Wohltäter, nämlich Freund, Kulturstifter, Feuerbringer und Lehrmeister der Menschheit, oft auch wird er als Schöpfer der Menschen und Tiere genannt, so beispielsweise bei Platon.
In Athen befand sich ein ihm geweihter Altar, der während der ihm zu Ehren abgehalten Festlichkeiten, der Promethea, mit Fackeln geschmückt wurde. Zudem existierte in Athen ein weiteres Heiligtum, in dem er und der Gott Hephaistos gemeinsam verehrt wurden.
Die Gestalt des Prometheus fand in der Kulturgeschichte vielfältige Rezeption, so z. B. bei Goethe der den Mythos zwischen 1772 und 1774 verarbeitete, also wie auch die anderen Hymnen (Mahomets Gesang, Ganymed, An Schwager Kronos), in seiner Phase als “Stürmer und Dränger”. Ein Hauptanliegen des Sturm und Drang ist das Überwinden von überkommenen Autoritäten und damit kann Prometheus als programmatisch für diese Epoche gelesen werden.
Mythologie
Prometheus, “der Vorausdenkende”, wollte die Menschen auf der Erde erwecken. Also ging er auf die Erde und formte mit Ton Menschen. Da sie noch leblos waren und um ihnen alle für das Überleben nötigen Gaben und Fähigkeiten zu verschaffen, gab er ihnen von verschiedenen Tieren je die Stärke (z.B. vom Hund die Klugheit, vom Pferd den Fleiß usw.). Für ein Geschöpf, das allen anderen Lebewesen überlegen war, waren jedoch keine besonderen Gaben mehr vorhanden, da alle bereits an die Tiere vergeben worden waren. Schließlich kam Athene und gab ihnen den Verstand und die Vernunft.
Da lebten die Menschen, und Prometheus war ihr Lehrmeister. Die Götter wurden auf die Menschen aufmerksam und verlangten von ihnen Opfer und Anbetung. Da verfiel Prometheus auf eine List, um die Götter zu prüfen: Er schlachtete im Namen der Menschen einen Hirsch und machte daraus zwei Haufen, einen größeren aus von Talg bedeckten Knochen und einen kleineren aus dem Fleisch, den Eingeweiden und dem Speck. Dann umhüllte er beide mit Stierhaut, um den Inhalt zu verbergen. Schließlich forderte er Zeus auf, einen der Haufen auszuwählen. Dieser durchschaute die List, stellte sich aber unwissend und wählte den größeren. Als der Betrug offensichtlich wird, sagte er voller Zorn, dass Prometheus dafür büßen müsse.
Als erste Strafe versagte er den Sterblichen das Feuer. Doch der schlaue Sohn des Titanen Iapetos wusste sich zu helfen, um das Feuer für seine Freunde zu erlangen: Er hob mit einem langen, mit Mark gefüllten Stengel des Riesenfenchels in den Himmel ab, um ihn am vorüberrollenden funkensprühenden Sonnenwagen des Helios zu entzünden. Mit dieser lodernden Fackel eilte er zur Erde zurück und setzte einen ersten Holzstoß in Flammen.
Als Zeus den Raub sah und erkannte, dass er den Menschen das Feuer nicht mehr nehmen konnte, sann er auf Rache: Er befahl seinem Sohn, das Trugbild einer schönen Jungfrau zu gestalten. Athene schmückte sie mit einem Gewand mit Blumen, Hermes verlieh ihr eine bezaubernde Sprache, Aphrodite schenkte ihr holdseligen Liebreiz. Man nannte sie Pandora, die Allbeschenkte. Zeus aber reichte ihr eine Büchse, in die jeder der Göttlichen eine Unheil bringende Gabe eingeschlossen hatte. Zeus stieg mit Pandora zur Erde hinab und überreichte sie als Geschenk an Prometheus’ Bruder. Da hob Pandora den Deckel und alle Übel schwebten hinaus und nur die Hoffnung blieb in der Büchse zurück. Seit dieser Stunde rasen bei Tag und Nacht Fieberkrankheiten, plötzlicher Tod usw. über den Erdkreis.
Doch der Rachedurst des Olympiers war noch nicht gestillt. Nicht nur die Menschen sollten bestraft werden, sondern auch Prometheus selbst. Von seinen Knechten ließ er ihn fangen. In die schlimmste Einöde des Kaukasus schleppten sie ihn und schmiedeten ihn mit unlösbaren Ketten des Hephaistos über einem schaurigen Abgrund an einen Felsen. Ohne Speis und Trank und ohne Schlaf musste er dort ausharren. Jeden Tag kam ein Adler und fraß täglich von seiner Leber, die sich über Nacht erneuerte, da er ein Unsterblicher war. Vergeblich flehte er um Gnade. Wind und Wolken, die Sonne und die Flüsse machte er zu Zeugen seiner Pein. Doch Zeus blieb unerbittlich. Und so sollte seine Qual viele Jahrhunderte dauern bis der Held Herakles von Mitleid erfüllt ihn erlöste, indem er den Adler mit einem Pfeil tötete.
Erläuterung
In der Hymne “Prometheus” schreibt Goethe einen Ruf Prometheus’ an die Götter, der von Spott, Hohn und Vorwürfen geprägt ist.
Gleich von der ersten Zeile an redet Prometheus Zeus mit dem freundschaftlichen, aber im Falle der Götter verachtungsvollen und rebellischen „Du” an. In Zeile 3 stellt er ihn gar auf eine kindliche Stufe und wirft ihm vor, aus Langeweile Zerstörung anzurichten – genau wie Jungen aus dem selben Grund Disteln die Köpfe abschlagen. Schon in der ersten Zeile benutzt Prometheus anmaßend den Imperativ (“Bedecke”).
Daraufhin in der zweiten Strophe wirft er nicht nur Zeus, sondern allen Göttern vor, sich „kümmerlich” von den Opfern gutgläubiger Kinder und Bettler zu ernähren und bekennt ebenso beleidigend: „Ich kenne nichts Ärmer’s/Unter der Sonn’ als euch Götter”. Auch er habe sich verirrt und gutgläubig in der Hoffnung auf ein offenes Ohr und Hilfe an die Götter gewandt – jedoch nicht die Götter hätten ihm geholfen, sondern sein eigenes „heilig glühend Herz”. Somit stellt sich Prometheus nicht nur mindestens ebenbürtig zu den Göttern dar, Goethe nimmt auch Bezug zum Geniebegriff der „Sturm und Drang”-Epoche, die unter einem Genie einen völlig im Einklang mit der Natur stehenden Menschen mit fast göttlichen Fähigkeiten verstand.
In den darauf folgenden Strophen vier wie fünf setzt Goethe viele rhetorische Fragen ein, um den vorwurfsvollen Ton Prometheus’ zu verstärken, der nun den Göttern vorwirft, weder geheilt noch gelindert zu haben und ihnen seine Ehrfurcht verweigert. Nicht die Götter, sondern die Zeit und das Schicksal hätten ihn „zum Manne geschmiedet”. Mit der Vorgabe, die Götter nicht zu achten, formt er in der letzten Strophe gar Menschen nach seinem Bild. Diese Selbstdarstellung und Hybris wird weiter getragen mit den letzten Worten „wie ich” und über das ganze Gedicht hinweg mit unterschiedlich langen Versen und Strophen unterstützt.
All diese Äußerungen und Taten zeigen deutlich, wie Prometheus die Götter entthronisiert – sie leben untätig und ausnutzend, während er Göttergleiches leistet.
Dieser Inhalt ist typisch für den Sturm und Drang. Der geniale (wobei der Begriff des Genies in der Zeit des Sturm und Drangs anders definiert wurde als heute), schöpferische Mensch, sprengt alle Fesseln und Konventionen und erstarkt an Schicksalsschlägen (weicht denen nicht aus).
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